Bericht 20. Reise

Eiskalter Törn
Ijsselmeer Niederlande

Dieser Törn war so kalt, da gibt es kein einziges Bild,
nur eine Beschreibung:

Wir sind am Do. angereist: Übergabe, Einkaufen Bunkern.

Fr. morgen gegen 10:00 Uhr los (wir mußten erst auftauen, -1° außen und +4° innen, das Schiff aufheizen, sonst wären wir früher losgefahren).

Wind 3 – 4 östlich, Sicht diesig.

Raus aus dem Hafen Richtung Stavoren. An der Warnserbrug angekommen hatten wir bereits das erste Problemchen.

Kein Brückenwärter da. Als wir noch nach einem UKW Kanal oder einer TelefonNr. suchten kam ein Berufsschiff von achtern auf, wie von Zauberhand rollte ein PKW zur Brücke und der Fahrer öffnete dieselbe.

Glück gehabt, wir haben nämlich keine Tel.Nr. gefunden !

In Stavoren die Schleuse passiert und los ging es.

Wir legten Kurs auf Enkhuizen, das heißt, ich versuchte mein bestes: kein Zirkel, kein Dreieck, kein Lineal, HandGPS ohne Funktion, das einzige was vorhanden war: ein Handpeilkompass mit Digitalanzeige, fürchterlich empfindliches Ablesen!

Naja, mit Hilfe des geraden Stiehles eines Kochlöffels und eben dieses Kompasses fuhren wir dann einen Kurs der uns zu den Tonnen LC 2 bis LC 12 führen sollte (eigentlich zur LC 8).

Als wir am Tonnenstrich ankamen waren diese nicht beschriftet, im Winter frisch gestrichen (das konnten wir sehen) aber noch nicht ganz fertig.

Wir hielten uns am Tonnenstrich bis zur letzten Tonne, dann neuer Kurs (aus der Erinnerung) 180°, Ziel: Einfahrt Enkhuizen.

Was soll ich sagen, genau getroffen, die Einfahrt – gut gemacht.

Einlaufen, rückwärts (wegen des Windes) angelegt, dann zum Aufwärmen und Einkaufen in die Stadt. Abends saßen wir lange beim Bierchen und Seemannsgarn.

Am nächsten morgen wieder so Kalt +1° und mehr Wind,

ca 5 – 6 Bft, Sicht diesig.

Warme Klamotten an, heute den Wind von vorn, und los.

Ablegen, auslaufen, Freiraum schaffen, Segel setzten und nun?

Ok, Kurs 65°, dann kommen wir genau nach Lemmer.

 

„65° sind nicht machbar!“ ruft der Skipper mir nach unten zu. „Dann geh so hoch wie möglich ran, nach ca 1 Std muß eine rot/weiße Tonne kommen, nach weiteren zwei Std sind wir an der Kette mit den roten Tonnen südlich von Stavoren. Ab da müssen wir kreuzen, sieh´ zu das du Höhe ziehst!“

Na, die r/w haben wir nicht gesehen und als wir nach etwa drei Std. das Ufer schon gut sehen konnten war keine einzige rote Tonne zu finden. ´Ne Wende brachte uns erst mal wieder auf Südkurs 180° denn wir waren schon sehr nahe am Kitesurfgebiet.

Der Kreuzschlag wurde so weit wie möglich ausgefahren, also bis fast ans gegenüberliegende Ufer, Wende und auf 40°.

Wir näherten uns langsam dem Gebiet für die Kiter und merkten, das wir uns wohl zu lange mit der Kreuzerei aufhalten werden. Es war mittlerweile 15:00 durch. So beschlossen wir die Segel zu bergen und mit Motor nach Lemmer zu fahren. Da wir kein GPS, aber die See um Lemmer viele Untiefen hat, wollten wir auf jeden Fall bei Tageslicht durch das Fahrwasser gehen. Maschine an, Fock weg, das gereffte Groß runter – – Sch…e, Maschine einfach ausgegangen. Groß wieder rauf, Maschine …. ja , was ist mit der Maschine.

Skipper versucht sie zu Starten oder einen Fehler zu finden.

Nach mehreren Versuchen läuft sie wieder, ein Glück.

Groß runter und ab nach …Verdammt wo sind wir eigentlich? So nah an Land ? Hier ist „STEILE BANK“, Flachwassergebiet, Kurs Süd wäre besser! Ich steuere langsam in südliche Richtung als plötzlich – RUMMS, Grundberührung, zum Glück nur Schlick oder Sand, aber der Kahn hat ganz gut gebremst, ich hab´in die

Sprayhood gebissen das die Lippe blutet, „Rückwärts“ schreit der Skipper, aber ich merke wie der Kiel über den Buckel rutscht dann über noch einen etwas kleineren -hoffe wieder frei zu kommen, aber ganz langsam kamen wir zum stehen. Die Pinne ließ sich nicht mehr bewegen, was tun?

„Fock ganz raus“ rief ich aufs Vorschiff, wo der Skipper gerade dabei war den Anker wieder Fest zu machen, es hatte sich eine Schraube gelöst. Durch den Wind in der Fock bekamen wir Krängung, drehten uns um etwa 90° und kamen wieder frei!

Wow, Pinne funktioniert gut, kein Knirschen, kein Spiel, kein Wasser im Schiff, keine Verletzten (außer meinerLippe).

Kurs wieder 180°, erstmal von den Untiefen freihalten, dann das Fahrwasser suchen und einlaufen. Ganz einfach, es ist ja noch hell genug. Ganz einfach? ja, wenn alles so gelaufen wäre, dann ganz einfach, Aber: kaum eine Minute nachdem wir wieder freigekommen waren fiel die Maschine erneut aus, die Fock war sogar noch gesetzt! Sprit? müßte eigentlich reichen aber wir hatten einen Reservekanister dabei, also tankten wir. Peinlichst achten wir darauf, das kein Wasser in den Tank kommt – Wasser? vielleicht ist da ja schon Wasser drin?

Es war uns nicht möglich die Maschine wieder in gang zu bekommen.

Skipper und Co Skipper berieten etwa eine halbe Std. die Möglichkeiten und Risiken. Dann entschlossen wir uns etwas zu tun, was wir noch nie getan haben: wir forderten über UKW Schlepphilfe an. Nach einigem hin und her auf den UKW Kanälen war klar:

die NL Coastguard, KNMR, kommt uns zur Hilfe.

sie kamen mit zwei Schlauchbooten 1 x 500 PS und einmal 1000 PS – beeindruckend, muß ich sagen.

Die Jungs waren echt super, nett, freundlich und vor allem kompetent. Die wußten ganz genau was sie taten.

An dieser Stelle möchten wir uns bei Euch bedanken Jungs, wir wissen das ihr alle freiwillig und unentgeltlich arbeitet, eure Freizeit für uns eingesetzt habt, DANKE!

 

(Die KNMR ist die niederländische Schwesterorganisation zur DLRG, beide leben ausschließlich von Spenden und Mitgliedsbeiträgen)

 

Auf dem Weg (mit 9 Kn geschleppt, ganz schön anstrengend da hinterher zu steuern) nach Lemmer war noch ein anderes Schiff auf Grund gelaufen, dem haben die Jungs auch noch schnell geholfen.

Bis an die Hafenmole haben sie uns gebracht, wir brauchten nur noch Fest zu machen.

Nachdem wir mit dem Eigner gesprochen hatten wußten wir: bei starker Krängung nach Backbord kommt Wasser in den Tank, aber dafür gibt es einen Wasserabscheider.

Also ließen wir das Wasser aus dem Tank, hat auch geklappt, aber der Motor lief trotz allem nicht, mittlerweile drehte er schon gar nicht mehr. Skipper vermutete: Anlasser defekt.

Am So kam der Eigner und versuchte alles, aber auch er bekam die Maschine nicht wieder in gang. Für mich war nun klar, Taxi und Tschüß…

Aber nicht mit Gus, dem Eigner. Der rief seinen Techniker an, der gerade irgendwo am Wasser saß und angelte, bei -2°, ob er uns hilft. Und der ist tatsächlich erschienen, hat auch alle passenden Teile dabei gehabt und nach ca 50 min. lief der Motor wie ein Uhrwerk. Sein Kommentar:

“ Ich bin schon so verrückt bei -2° angeln zu gehen, da kann ich auch den verrückten helfen, die bei solchen Temperaturen segeln wollen.“

Die Rückfahrt durch den Prinzess Margreth Kanal verlief

ohne weitere Probleme. Mehr als vier Std später als geplant, kamen wir heil in Heeg an.

Gus machte ein großes Kompliement als er zur Übergabe kam.

„Ich bin Stolz auf euch, ihr seid wirklich gute Seeleute“ sagte er, „Für den nächsten Törn auf diesem Schiff braucht ihr keinen Diesel zu bezahlen, und heute auch nicht.“

„Warum das?“ wollten wir wissen.

Weil wir vernünftig unsere Möglichkeiten abgewogen, alles was in unserer Macht stand getan haben und am Ende kein Risiko eingegangen sind, Lemmer im dunkeln anzulaufen.

Die Entscheidung Hilfe anzufordern ist mir persönlich sehr schwer gefallen, wir waren nicht in Seenot und hätten uns vielleicht selber helfen können.

Die Tatsachen, daß das GPS nicht funktionierte, die Sicht keine Sichere Peilung erlaubte, wir also nicht genau wussten wo wir uns befanden, geschweige denn einen

sicheren Kurs anzulegen, wir kreuzen mußten und in die Dunkelheit gekommen wären bevor wir in

den Hafen einlaufen würden, sprachen aber für „Hilfe holen“.

Als Alternative blieb einzig und allein nach Urk abzulaufen.

Auch das wäre mit Risiken verbunden gewesen, zB Untiefen vor Urk und das Fahrwasser dort unten.

 

Fazit: viel gefroren und viel gelernt

Und nicht vergessen, nach dem Törn ist vor dem Törn!