Bericht 48. Reise Göteborg

Mein Bericht über eine für mich ungeplante Segelreise.

Ich schreibe hier von meinem 48.  Segeltörn, zwei Wochen nachdem wir alle heil und gesund wieder zurück sind. Weshalb erst jetzt? Lest selber, wir hatten keine Zeit…..

Am 24.07.2016 wollten wir unser Boot, die OnRA, in Göteborg übernehmen, um in 14 Tagen wieder zurück nach Heiligenhafen zu segeln. Grundsätzlich viel Zeit für diese Strecke. Der Plan war, am 22.07 morgens mit dem Auto nach Heiligenhafen zu fahren, dort in den Bus nach Kiel, von dort mit der Fähre nach Göteborg. Am Kai haben wir uns mit der vorherigen Crew verabredet, die holen uns dort ab, super der Plan. In der ersten Woche wollen wir dann bis Kopenhagen kommen, dort wechselt die Crew teilweise und fährt mit dem PKW eines neuen Crewmitgliedes zurück nach Heiligenhafen, klasse organisiert.

Es kam anders. Am 21.07. abends bekam ich einen Anruf vom Skipper, der das Boot von Oslo nach Göteborg segelte: “ Der Motor macht keine Fahrt mehr, ist der evtl. zu heiß geworden? Das hat hier eben gequalmt.“ Nein, es war nicht der Motor, aber der Kahn machte keine Vorausfahrt mehr, also in den Hafen schleppen lassen, ein netter schwedischer Mobofahrer hat geholfen. ( Die Küstenwache kommt dort nur, wenn Leben in Gefahr ist, ist auch in Ordnung) Am Anfang der Woche haben die mich angerufen und gesagt: “ Wir haben einen halben Liter Öl aufgefüllt, jetzt ist der Ölbehälter Übergelaufen !“
HÄ ????? übergelaufen???
Wo habt ihr das reingefüllt? In den Schwarzen Deckel wo OIL draufsteht? Nein, in den blauen! war die Antwort  ! ! ! ! ! !

Der blaue ist das Kühlwasser ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! saug das wieder ab du Tr…..

Jetzt die Info, der Motor macht keine Fahrt? wird schon nicht so schlimm sein, aber, was tun? Crew informieren ? oder nicht ?

Meine Crew kommt aus Dresden (w), Göttingen (w), einer kleinen Stadt in der Nähe von Linz (w), Mannheim (m), meine Frau, mein jüngster Sohn(18J) und ich aus Osnabrück. Jeder hatte entweder einen Flug, Zug oder Fähre gebucht. Also sagte ich mir, das kriegen wir irgendwie schon hin, irgendwie.

 

Sonnabend 23.07.2016

Wir kommen also Planmäßig in Göteborg an, aber wurden nicht abgeholt, die anderen waren schon abgefahren. Wir trafen uns mit dem Mädel aus GÖ und fuhren mit dem Taxi etwa 70 km auf die Insel Tjörn nach Mossholmen, dort lag unser Boot gegenüber der Tankstelle. Der Rest der Crew kam nach und nach mit dem Bus dort an. Wir gingen also einkaufen und bunkerten Wasser indem wir das Boot mit langer Leine quer durch das Hafenbecken zur Wasserstelle zogen. Zum Glück waren das nur etwa 2 -3 Bootslängen.

 

Sonntag 24.07

Am Sonntagmorgen gab ich eine ausführliche Sicherheitseinweisung, und teilte meiner Mannschaft mit, dass tatsächlich ein Schaden vorliegt, die Kupplung rutscht im Vorwärtsgang durch, wir können nur noch rückwärts fahren. Da aber das Wetter für die nächsten Tage drei bis vier aus NW mit Sonne vorhersagt und wir ein Segelboot sind, wollen wir trotzdem auslaufen und Richtung Süden segeln. Wir legen also rückwärts ab, entfernen uns von der Steinmole, setzten die Segel und ziehen ganz langsam los, es ist sehr wenig Wind, nur etwa 4 – 5 Knoten. Nachdem wir die erste Tonne passiert hatten stellte ich fest: shit, wir haben Strömung, nicht sehr viel, wir können gerade noch steuern, aber das bisschen Wind reicht nicht wirklich aus. Nach etwa zwei Stunden hatten wir dann zwei Meilen geschafft und den Schärengürtel gerade so hinter uns gebracht, als der Wind komplett einschlief. Nun wurden wir von der ganz leichten Strömung langsam auf die Felsen zugetrieben. Anker ab, auf Wind warten.
Ich schau in die Seekarte, knapp hinter uns, ein Felsen in 0,80 m Tiefe, blöd bei einem Tiefgang von 1,90m. Bevor ich die Position ganz genau bestimmen und eintragen konnte rief mein Sohn: “ Achtung, der Felsen ist direkt hinter uns, wir sollten hier schleunigst wieder weg!“ OOHkay, JETZT ist kein Wind und die Ankerwinde kann uns hier wegziehen, gut, aber das mach ich nicht wieder. Wenn ich mir vorstelle es kommt in der Nacht Wind auf, kein Vorwärtsgang und vielleicht noch etwas Seegang, oh oh, was hast Du denn da für einen Mist gebaut, Herr Skipper?
Wir versuchten also im Rückwärtsgang zurück in den Hafen zu gelangen, ist echt doof, sowas mit einem Langkieler zu versuchen. Ein schwedischer Angler fuhr an uns vorbei und fragte was los ist, dann schleppte er uns zurück zu unserer Tankstelle.

 20160723_211017                der kleine Hafen Mossholmen, mit der OnRA , eigentlich nur zum bunkern

Sonntagabend

Wir sind heile und ohne Schaden zurück an unsere Pier geschleppt worden, der MoBo Skipper hat das perfekt hinbekommen. Meine Gedanken drehten sich im Kreis wie ein Karussell auf dem Jahrmarkt. Ich hatte gegenüber meiner Crew ein megaschlechtes Gewissen, eigentlich wusste ich ja, dass es nicht gut ist, so los zu fahren, andererseits; wir sind ein Segelschiff. Naja, nützt alles nichts, es muss eine Lösung her. Meine Crew hat alles an Handys und I Pads genutzt, um Mechaniker oder eine Werft zu finden, die uns evtl. helfen könnten. Jemand ist zum Hafenmeister in der „Butik“ gelaufen und hat nach Mechanikern gefragt…, eine Tel Nr, geilomat, wir haben eine Telefonnummer! die Hoffnung steigt. Dido kann am besten Englisch und etwas schwedisch, sie ruft dort an. Der Typ am anderen Ende spricht nur schwedisch, was hier selten ist, und sein Kollege ist nicht da, Urlaub. Es gibt im Nachbardorf aber noch jemanden, also: zwei machen sich auf den Weg nach Rönnäng. Erst mit dem Bus, aber der fuhr nur eine Station weiter, der Fahrer sagte: hier aussteigen und diese Straße immer weiter geradeaus, bis zum Hafen, ich muss hier in Bleket links ab. Na toll, aber was soll´s. Die beiden Mädels erreichten die Werft, fanden den Inhaber, ein älterer Herr, und erklärten die Sachlage. Leider konnte auch er nicht helfen, sein Getriebe Spezialist sei auf einer Regatta. Er war so freundlich meine Crew mit seinem Auto zur OnRA zurück zu bringen. In der Zwischenzeit habe ich beschlossen das Getriebe selber auszubauen, damit keine Zeit verloren geht. Zwei weitere Crew sind zum Einkaufen nach Klädesholmen gelaufen und meine Frau hat erstmal ´n Kaffee gemacht. In weiser Voraussicht hatte mein Freund Hermann, mein Mechaniker und Nachbar in der Heimat, mir den Spezial Schraubenschlüssel, den extra angefertigten Inbus und eine Kette mit Spannvorrichtung mit ins Reisegepäck gelegt. Also ich guten Mutes erst den Niedergang und die Bodenbretter entfernt, dann das Getriebe an den Fundamentböcken gelöst und den Motor mit Kette und Spanner etwa zwei cm angehoben. Das ist nötig, weil der Motor nur an einem Ende gelagert ist. Am anderen Ende ist das Getriebe angeflanscht und das ist wiederum gelagert. Jetzt mit dem Inbus vier Schrauben lösen, leichter gesagt als getan, denn es ist ein V-Getreibe. Das bedeutet für mich: ich habe den Flansch von mir aus gesehen hinter und unter dem Gehäuse des Getriebes. Der Abstand zur Zentraflex Kupplung auf der Antriebswelle ist sehr gering, deshalb auch der extra angefertigte Inbus, und ich kann die Schrauben nicht sehen, zusätzlich kann der Inbus immer nur um einen „Tacken“ gedreht werden. Die Schrauben sind natürlich fest, müssen mit Hammerschlägen gelöst werden. Mit zwei Händen in dem engen, mit Öl benetzten Schacht, das ist schon hardcore für einen mechanisch nicht sehr begabten Typen wie mich. Aber es funzte, Schrauben los bekommen. Nun noch mit dem 19er speziell gebogenem Ringschlüssel ( sowas hatte ich vorher noch nie im Leben gesehen ) die letzten sechs Schrauben raus. Dat Dingen ist rahauuuus, prima. Niedergang eingehängt, nach oben und auf den Steg. Und jetzt?
Jetzt kamen die beiden Mädels zurück. ich hatte eine Stunde fünfzehn Minuten zum ausbauen gebraucht, gar nicht schlecht wenn man bedenkt das wir beim allerersten mal fast sechs Std. benötigten. Ach ja, hab ich schon erwähnt dass die Kupplung im letzten Jahr schon einmal verklebt, weil zu heiß geworden, war? da es weder Original Ersatzteile noch irgendwelche Pläne oder Handbücher mehr gibt mussten wir einige Dinge testen und haben deshalb dreimal aus,- und eingebaut.

Montag 25. Juli 

Das Getriebe ist raus, nur noch verpacken, aber wie? Am Montag Morgen fragen wir den Hafenmeister, der gibt uns dann eine Palette, eine PALETTE ? wie soll ich das Ding da fest kriegen? Und morgen Früh um 0900 soll es bei ihm vor der Tür stehen, dann kommt der Kurier!

Neben unserem Liegeplatz ist eine Baustelle, mal sehen was es dort zu finden gibt. Kanthölzer, Folie in unterschiedlichen Größen, sogar einen Gurt zum Festzurren kann ich durch den Bauzaun sehen. Heute Abend, wenn die Arbeiter weg sind, werde ich mal schauen gehen, was geht. Also jetzt erstmal Öl ablassen und das Ding sauber machen. In meinem Kopf läuft alles durcheinander: Ist die Entscheidung das Getriebe per Luftfracht nach Deutschland zu schicken richtig? Was mache ich, wenn es verloren geht? Was mache ich oder wie bekomme ich es hin, dass die Crew trotz allem nicht anfängt zu meutern?
Kriegt Hermann das in der kurzen Zeit fertig? Was genau ist überhaupt passiert (ich meine jetzt IM Gehäuse) ? Wie kommt es wieder zurück? und ganz nebenbei, was Kostet das eigentlich alles?
und WIE bekomme ich das Mistding auf der Palette fest?
Hunger, jetzt habe ich Hunger, „hat einer was gekocht, oder einfach ne Stulle“?

 

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                das ausgebaute Getriebe

Sie waren in Klädesholmen und haben Lachs besorgt, gebraten mit Reis und Gemüse, tolle Crew, KANN ich nicht nur, sondern MUSS ich schon sagen !! Nach dem Essen machen sich mein Sohn und ich auf den Weg die Baustelle mal genauer in Augenschein zu nehmen. Nach kurzem suchen finden wir eine Lücke im Zaun und besorgen alles was man so brauchen kann. Dabei nehmen wir nur gebrauchtes Material zB. aus dem Altholzcontainer. Holz, Folie, den Gurt, (wofür genau ist noch nicht klar, aber haben ist besser als brauchen) und Pappe zum unterlegen, falls doch noch ein Tropfen Öl fällt.
Alles liegt nun neben der Palette, auch das Getriebe.
Als erstes lege ich dieses auf die Palette, es wackelt, aber die ersten Ideen werden wach, Hirn funktioniert langsam wieder.
Lange Rede;
Schlußendlich habe ich die Schrauben, mit denen das Getriebe am Motor angeschraubt wird, benutzt, um ein Brett am Gehäuse anzuschrauben.Das ganze dann mit unzähligen Spaxschrauben von unten an die Palette geschraubt, (gar nicht so einfach, denn die untergelegte Pappe war ziemlich dick) hier und da noch ein Stück eingekeilt, den Gurt drum, mit einem Spanngurt richtig fest gezogen und mit Spaxschrauben fixiert.
Zum Glück habe ich eine Bohrmaschine und ne gute Auswahl an Bohrern an Bord.
Nun fängt es auch noch an zu regnen, sonnn Ärger aber auch, die Pappe wird weich, nein, sie löst sich gerade auf, bei dem Guss. Bin innerhalb von ca 30 sec. nass bis auf die Haut. Aber nicht schlimm, ab in die Plicht, unter unsere Regenplane, erstmal ein schwedisches Bierchen aus der Dose zischen, lecker.
Der Regen ist schnell wieder vorbei und wir werden mit einem wundervollen Sonnenuntergang belohnt. (Foto oben).
Weiter geht es, überflüssige Pappe wieder runter, noch ´nen Spanngurt zur Sicherheit, die Welle mit einem Stück Isomatte und Kabelbinder gegen Stöße gesichert, Folie drum, fertig.
Sieht gut aus, fühlt sich auch gut an. Schwer ist es, geschätzt 20 – 22 kg. (später erfuhren wir: es waren 35 kg, aber dazu komme ich noch)
Aber unsere Sackkarre, ja, sowas habe ich an Bord, hat uns die Arbeit am Morgen sehr leicht gemacht. Punkt neun Uhr war der Kurier da und hat es eingeladen, weg isses, die Gedanken kreisen schon wieder was? wäre? wenn? aber?

Dienstag 26. Juli

An diesem Dienstag, nachdem der Kurier nun mit dem Getriebe unterwegs ist, löst sich so langsam die Spannung. Die einzige Sorge ist: kommt das Paket auch wirklich an und kann Hermann die Reparatur schnell genug durchführen?

Nach dem Frühstück bin ich dann rüber auf die Baustelle, eine Flasche Captain Morgan unter dem Arm, um meine abendlichen Aktivitäten zu beichten. Ich hatte einen Gurt, zwei Kanthölzer je 8 x 8 x 50 cm und ein Stück Verpackungsfolie von einer Palette Steine benötigt. Als ich erzählte wofür ich die Sachen gebraucht habe und fragte was ich dafür bezahlen soll, fingen alle drei an zu lachen und sagten: No Problem, if we can help, we do it. Aber über den Captain haben sie sich trotzdem riesig gefreut, Wir haben noch darüber gesprochen, das sie den erst nach Feierabend trinken sollen, und nicht auf der Baustelle, sondern zu Hause, noch eine geraucht und etwas small talk, dann mussten sie weitermachen, einfach nett die Schweden.

Nunja, es gelang mir, meine Gedanken auf die nun vor uns liegende Woche zu konzentrieren. Nachts hat es geregnet aber jeden morgen schien die Sonne aus einem tiefblauen Himmel, es war heiß, aber durch eine leichte Briese sehr gut auszuhalten. Urlaub halt.
Wir machten schöne Wanderungen durch die Inselwelt von Tjörn. Vor dem Supermarkt gibt es einen Frischfischverkauf, dort versorgen wir uns fast täglich mit den unterschiedlichsten Fischen. Gebraten, gedünstet, gekocht, alles wird ausprobiert. Jeden Tag baden gehen ist Standard. Ich zu den Mädels: hier im Hafen, und dann noch direkt gegenüber der Tankstelle, ist das Baden verboten ! ( hat nicht geklappt, siehe Foto )

Die Hügel und Berge laden zum klettern ein und wir unternehmen eine ausgedehnte Kajak tour. Der Verleiher sagte uns, wir könnten nicht fahren, es sind zu hohe Wellen. Hä ? hohe Wellen ? hohe Wellen sehen für uns Segler anders aus. Trotzdem waren wir vorsichtig, ist ja schließlich keine Segelyacht, sondern nur sonn lüttes dingens. Den ganzen Tag waren wir unterwegs, zwischen den Schären hindurch in die Inselwelt, zum Picknick anlegen und auf den warmen Steinen etwas dösen. Schafe, Schwäne und Gänse konnten wir aus nächster Nähe beobachten. Fische sprangen neben den Kajaks aus dem Wasser, Natur pur.

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                                 Klädesholmen aus dem Kajak Fotografiert

So ging die Woche weiter.
Es war ja geplant, das wir am Ende der ersten Woche in Kopenhagen anlegen und dort die Crew etwas wechselt. Meine Frau, mein Sohn und eins von den Mädels wollten bzw. mussten dort von Bord, wegen Arbeit, Ausbildung, Studium.
Das ging ja nun nicht mehr auf, so planten wir die Rückreise der drei mit der Fähre von Göteborg nach Kiel am Sonnabend Abend.

Mittlerweile waren unsere Roaming MB´s längst aufgebraucht für alle möglichen Nachforschungen wegen Monteuren, Kajakverleihern und sonstigen Suchen. Der Netzbetreiber wollte per SMS eine Anleitung schicken, wie man mehr nachladen kann, da warte ich heute noch drauf, toll!
Also sind wir jedesmal wenn wir ins Internet wollten nach Klädesholmen rüber gelaufen um dort ins freie W LAN des ansässigen Hotels Salt & Sil zu kommen. Wir brauchten nur einmal nach dem Code fragen, nix bezahlen und durften so oft wir wollten W LAN nutzen, Danke an Salt & Sil.
Wir sitzen also dort im Schatten, genießen ein schwedisches
Softeis, Glace sagen die Schweden, und planen drei Personen in einer Kabine auf der Stena Line. Zwischendurch per Whats App mit meinem Sohn zu hause Kontakt aufgenommen. Dann per Telefon versucht die Rückreise des Getriebes zu organisieren. Hermann hatte seine Drehbank abgebaut, er wollte eigentlich seinen Keller renovieren. Extra wegen des Getriebes hat er sie wieder zusammen montiert, es mussten noch Teile abgedreht werden. Tellerfedern, die Originalgröße gibt es nicht mehr. Wir haben eine Nr. stärkere gekauft und er hat sie dann passend gedreht, ein Künstler.
Die Reparatur war in vollem Gange, es sind am Mittwoch, so schnell war die Post, noch zwei Lager und Lagerschalen bestellt worden, sind am Donnerstag morgen frei Haus geliefert worden.
Dann der Schock, für den Rücktransport will DHL 600,-€ haben und dann ist es erst am Montag bei uns, zu spät, wir haben ca. 270 sm vor uns, da zählt jeder Tag, das ist schon hart genug, macht ja noch nicht einmal jeder SKS Törn. ( es ist so, da brauchen wir nicht über Sinn oder Unsinn diskutieren )
DHL Express, die liefern schneller, kosten ? 2100,-€ WAHNSINN warum so viel? Weil der Frachtflughafen in Göteborg am Fr um 18:00 Feierabend macht. Und Express ist eben Express, da kommt dann Nachts einer und lädt das Packet aus, ein zweiter bringt es zum Kurierfahrer an den Schalter und der Kurier bringt es dann direkt zu uns. Ok, schnell ist das, aber zu teuer. Stefan, ein Freund meines Sohnes ist Hobby Pilot und kann Motorflugzeuge fliegen. Geil, jetzt wird mir das Getriebe eingeflogen. Problem? klar, der nächste Sportflugplatz ist fast 90 km entfernt und eine Flugstunde kostet 180,- ; bei ca 7 -8 Std Hin,- und rückflug sind das auch etwa 1200,-€. Man ey kann denn auch MAL was klappen?
Unser ältester Sohn rief an, mit dem Zug dauert ne halbe Ewigkeit, er versucht mit der Fähre am Freitag zu kommen. Zehn Minuten später war klar, die Fähre geht nicht, ist voll, Urlaubszeit !! Boooaahhh
Dann wieder unser mittlerer Sohn, Papa, ich habe einen Flug gebucht, Chech Airlines fliegt von Hamburg direkt. Fabi kommt dann am Freitag Abend an, ihr müsst ihn nur vom Flughafen abholen. NUR ? Also wir wieder zum Salt & Sil ins W lan, Mietwagen suchen? Ne, fragen wir mal den Hafenmeister.
Er hat dann tatsächlich einen Volvo (was auch sonst) kombi für uns gefunden. Die Bushaltestelle war nicht weit, meine Frau und ich also los nach Skärhamn in die Kroksdalvägen zur Tankstelle, den Volvo abholen. Wir waren viel zu früh dort, haben uns dann einen schönen Nachmittag in dem recht netten Hafenstädtchen gemacht. Live Musik und lecker essen geht immer gut.
Naja, als wir dann den Wagen übernommen hatten und zurück beim Schiff waren, klingelt das Mobiltelefon. Fabi war dran.
Wir sind hier jetzt in Hamburg auf dem Flughafen aber die wollen das Getriebe nicht mitnehmen, gegen Aufpreis nur bis 32 kg aber es wiegt 35 kg.  fünfunddreißig !!! ? wir hatten ja nur ca. 25kg  geschätzt.

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                                         hier sind wir auf einer Wandertour

Freitagabend 29. Juli

Fabian teilte mir allen ernstes mit, dass die beiden, mein Bruder und mein Sohn, sich nun mit dem Auto auf den Weg machen. „Mach dir keine Sorgen, um 23:00 sind wir da!“
Wenn das kein Optimismus war ! Ok, ich also mal zwei Sekunden überlegt, das schaffen die nie, wenn sie Morgen früh um 6:00 da sind, dann ist das schon schnell.
Kleiner Tipp von mir: haltet euch in Schweden und Dänemark an die Geschwindigkeitsbegrenzungen und bringt noch etwas Captain Morgan und eine Flasche Jägermeister für den Hafenmeister mit.

Sonnabend 30. Juli

Am nächsten morgen um 0604.
Mit riesen Getöse trampeln zwei vollkommen übernächtigte und aufgekratzte Typen an Bord. In einer Hand ne Tüte frische Brötchen, in der anderen eine Flasche Rum, 0,5 Liter.

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                                          sie sind da, mit Getriebe, danke

Wir sind also alle aus den Betten gekrochen, Rührei mit Speck zum Frühstück, und dann ging es los, wir luden das Getriebe aus dem Wagen, ab damit ins Schiff. Es waren alle Schrauben vorhanden ( hatte ich geschrieben, das ich die Schrauben zum anflanschen an den Motor dafür verwendet habe das Getriebe auf der Palette zu befestigen ? ) Unsere zwei „Kuriere“ teilten sich die Flasche Rum und legten sich dann schlafen 😉 war dann auch nötig, hatten sie sich verdient.
Werkzeug raussuchen und zurechtlegen, alle Schrauben in der Reihenfolge aufgereiht, es kann losgehen. Mit Hilfe der schlanken Hände und beweglichen Finger einer 19 jährigen Mitseglerin, die leider, leider nur eine Woche Urlaub hatte und heute, Sonnabend den 30.07.2016, wieder zurück nach Deutschland fahren muss, bauten wir das Getriebe wieder ein.
Sie lag bäuchlings auf den Bodenbrettern, die Arme bis zu den Ellenbogen voll Schmier und Öl, und drehte die Inbusschrauben zum Anflanschen der Welle rein. Dabei lachte sie und sagte:“ mach mal ein Foto für Vati, der freut sich immer, wenn ich am schrauben bin,“ ( aus privaten Gründen wird das nicht veröffentlicht )
Es dauerte eine gute Stunde und das Gute Stück war endlich wieder fest eingebaut. Öl drauf, Bilge säubern, und probelaufen lassen. Probelaufen? Seid Ihr verrückt, wenn das wieder kaputtgeht?
Ich hatte echte Sorgen, wusste nicht, was ich tun sollte wenn es NICHT funktioniert.
Meine Frau, Bruder und Sohn und die Junge Mitseglerin machten sich fertig um nach Göteborg zu kommen, um die Fähre nach Kiel zu erreichen.
Ich weiß heute nicht mehr genau wann und wie wir unser gemietetes Auto, welches wir nun eigentlich gar nicht benötigt hatten, wieder zurück gebracht haben. Ich vermute, das meine Crew das in der Zeit erledigt hat, in der wir das Getriebe einbauten. Tolle Mädels !
Wir haben dann noch zusammen gegessen, uns dann voneinander verabschiedet.
Danach musste sich die nun „neue“ Crew erstmal finden. Den Zwischenstopp in Kopenhagen mit Crewwechsel hatten wir schon abgesagt, die zwei anderen sind gar nicht erst losgefahren.

Ich erteilte wieder eine ausführliche Schiffseinweisung in allen Sicherheitsfragen, Ausrüstung, Wetter Planung und, ganz wichtig, die Notrolle.
Die Crew bestand jetzt aus zwei Mädels, 19 und 23 Jahre, eine davon war bisher vier Wochen in drei Jahren bei mir an Bord, die zweite einmal für zwei Wochen. Ich wußte, eine wird Seekrank, die andere nicht. Beide können steuern, Manöver und Kurse fahren, ja Männer, auch geradeaus. Eine konnte ich auch für Navigation mit den an Bord befindlichen Instrumenten und Seekarten gebrauchen.
Zwei Jungs, ein Frischling, erstes mal an Bord und mein Sohn, 18, 2000 sm Ostsee Erfahrung mit unterschiedlichen Skippern, wird nur sehr selten Seekrank ( Nordsee, damals war er 12 j. ) Für die Navigation einsetzbar, Segel setzen, Segel bergen, Reffen sind für Ihn kein Problem, Steuern tut er nicht so gern, sieht aber, wenn er gebraucht wird und kann es dann gut.

Fazit:
– zwei gute Steuerfrauen, die das Segelkleid auf einer Slup kennen, auf unserer Ketsch – aber noch nicht.
– zwei für die Navigation in unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen einsetzbar
– einen überall einsetzbaren
– einen bei dem ich nicht weiß, was überhaupt passiert
keine super Bedingungen, das ist mir klar, also erstmal langsam anfangen.

in der nächsten Fortsetzung: wie wir beim ersten ablegen beinah in die Mole getrieben worden wären
und
warum unsere Möglichkeiten zum Reffen besonders schlecht wurden

 

Sonntag 31. Juli ( der zweite Versuch )

Nun endlich, am Sonntag morgen um 0500 sind wir aus den Kojen, Frühstücken! Letzte Instruktionen zum ablegen.
Wetter? ausgerechnet heute ist der erste Tag, der mit Regen beginnt. Wind? um die 15 Knoten aus W, genau in unser Hafenbecken, also fast von vorne. Sehr gut, denn wir wollen auf der etwa 40 m entfernten anderen Seite nochmal die Wassertanks füllen. Da sollte das Ab- und Anlegen wohl kein Problem sein. Der Steg besteht aus Quer liegenden Brettern, zum Wasser runter sind die Bretter bis knapp über die Wasserlinie Senkrecht angebracht. Auf dem Stegen wird an Stahlringen Festgemacht.
Folgender Plan zum Ablegen bestand: die Springs beide los, danach die Vorleine. Wenn der Bug durch den leicht seitlich von vorne kommenden Wind anfängt nach Steuerbord zu treiben Maschine vorwärts und die Achterleine los. Mein Sohn hat die meiste Erfahrung, also macht er die Achterleine, die Mädels je eine Spring und der Moses die Vorleine. Hat auch alles geklappt, war ja auch nicht schwer, aber beim einholen der Achterleine verfing sich der letzte halbe Meter unter einem der Senkrechten Bretter und hing fest. Eine klassische Schlinge und das Miststück wollte von dem nicht gehobelten Brett einfach nicht abrutschen. Maschine also Stop, den Zug aus der Leine nehmen und versuchen sie so schnell wie möglich los zu bekommen. Sie lief jetzt von der Achterklampe zum Ring, dann nach unten einmal um das Brett herum. Verdammt ist der Hafen klein, wenn so ein 12,50 m Boot Quer drin liegt. Mein Sohn stand vollkommen unter Strom, ich glaube, er hat geschwitzt, schlug immer wieder die Leine hoch, um eine Lose in das Stück zwischen Ring und Brett zu werfen. Beim zweiten, oder war es der fünfte Versuch, die Leine los zu kriegen, war sie dann aber frei, schade nur, dass wir nun mit dem Bug in die falsche Richtung lagen, ziemlich dicht an der Mole, von der wir gerade abgelegt hatten. Der Radeffekt geht stark nach Steuerbord, nicht gerade förderlich. Hält die Kupplung wenn ich Gas gebe? Ich wußte, wir hatten noch fast 300 sm oder mehr vor uns, aber diese Frage stellte ich mir trotzdem. Rückwärts raus hat dann doch geklappt, einmal gedreht und zum Wasser bunkern gut wieder rangekommen. Mittlerweile war aus dem Regen ein Wolkenbruch geworden und wir warteten das schlimmste ab, nutzen die Zeit um, nein, keinen Anleger sondern einen Kaffee zu trinken.

Als Segel hatten wir angeschlagen: Besansegel, Lattengroß, Kutterfock (Selbstwendefock) und Genua. Die beiden Vorsegel auf einer Furlex Rollanlage. Das Groß wird auf der OnRA erst gerefft, wenn 28 bis 30 kn Wind im Durchschnitt erreicht werden. Durch den Besan hat das Groß nur etwa 24 qm Segelfläche, das Besan 8 qm, die Fock 18 qm und die Genua I (die Große Genua heißt doch Genua I ? ) 48 qm. Die Reff Möglichkeiten sind schier unbegrenzt.
1. Genua Reffen
2. Genua ganz weg
dafür
3. Fock raus
4. Fock reffen
5. Groß ins erste Reff
6. Groß ins zweite Reff
7. Fock weg
dafür
8. Sturmfock raus (muss allerdings vorbereitet sein )
9. Groß Weg
10. Besan weg
Dann habe ich immer noch ein Sturmsegel stehen. Das Schiff wiegt 12 T, hat 3,5 T im Kiel, zusätzlich 400 L Dieseltank, 700 L Wassertanks unter der Bilge, dann ist es nach IOR Mark II gebaut, niedrige Anfangsstabilität aber sehr hohe Endstabilität.

Es war etwa 0730, als dann der Regen nachließ und wir uns auf die Reise Richtung Deutschland bzw. Heiligenhafen machten. Wir dampften zum ablegen diesmal in die Achterspring, die Leine lag um einen Poller, konnte sich nicht so leicht verhaken. War der Vorschlag meines Sohnes, er hatte den Schreck von vorhin noch nicht ganz verdaut, auf meine Frage an die Crew: So Freunde wie legen wir ab, welche Leine muss zuerst welche zuletzt los?
Ablegen lief diesmal gut. Nach 200 m setzten wir Groß, Genua und Besan, Motor aus, herrlich, endlich segeln. Leider musste uns der Jockel aber nach 1 sm nochmal für ca 2 sm unterstützen, Wind genau von vorne und Fahrrinne zu schmal für uns zum kreuzen.
Dabei Genua wieder rein und wie es sich gehört Fahrtenkegel gesetzt.                                 *  die schwedischen Segler letzte Woche hatten auch die Kegel gesetzt, sicher ist sicher. ( wäre vielleicht egal gewesen, wir waren ganz alleine draußen).

Auf Höhe der kleinen Insel Snugge legten wir Kurs an, um zwischen den Schären durch zu zirkeln. Um Manövrierfähiger zu sein und besser sehen zu können, ließen wir die Genua eingerollt und setzten die Fock, das heißt wir wollten sie setzten. Irgendwie stand sie nicht, als wenn sie nicht richtig durchgesetzt war. Das Fall ? Fest, der Wirbel ? aus dem Kopf gerissen. MAAAAAAAAn, kann denn auch mal was klappen, verfl..t nochmal was für eine Hühnerkacke. Also doch die Genua, aber nur zur Hälfte, sonst übersehen wir vielleicht noch einen Felsen.
Papa ! Papa wir müssen den Kurs nach West ändern sonst fahren wir da gegen die Insel. INSEL ? das ist doch nur ein Stein. Mein Sohn mit dem I Pad und den Karten von NV Charts drauf.
Kurz gesagt, wir haben dann zwei Wenden gefahren, sind heil und mit genügend Abstand zu allen Steinen, Felsen und Inseln durch die Inselgruppe der Skären gesegelt, vorbei an Marstrandsön in den Marstrandfjord Richtung Süden. Haben den Nordkardinal Krakebadan und die kleine Insel Stora Pölsan passiert. Nun waren wir aus dem Schärengebiet heraus und konnten uns ganz auf unseren Kurs ( zum nächsten Hafen mit Segelmacher in südlicher Richtung ) konzentrieren. Ich wollte auf keinen Fall länger als nötig ohne die Möglichkeiten der Fock segeln. Wir konnten gut 180° halten, nur war das mit dem Wind nicht mehr so toll. Kaum hatten wir morgens die Segel gesetzt, da kam die Sonne durch und der Wind ließ nach. Wir machten zwischen 3 und 4 Kn Fahrt in die richtige Richtung, es wurde gegessen und wir genossen den Tag. Mein Ziel für heute: BUA 57°14,4´N 012° 06,7´E Tagesweg 65 sm.
Nur blöd, wenn man immer langsamer wird, Im Stockdunklen liefen wir den Hafen von Bua, Buahamn, an. War eine kleine Herausforderung, dort habe ich Leuchtfeuer gesehen, die ich in deutschen Gewässern vorher noch nie hatte. Ein grünes Richtfeuer auf der Backbordseite, also da wo die roten Tonnen stehen, wies mir den Weg in die Hafeneinfahrt. Nicht tragisch, nicht kompliziert, aber zuerst schlecht zu erkennen. In der Hafeneinfahrt wurde es nochmal spannend, zwei unbeleuchtete Tonnenpärchen im Gegenlicht der Hafenlaternen. Ganz langsam liefen wir ein, fanden einen guten Platz am Pier und machten fest. Es war mittlerweile 2345 Uhr. Da schmeckt so ein Anleger und ne Zigarette dazu, echt gut.

Gute Nacht für heute

auf dem Weg nach Bua wechselte das Wetter,

morgens so…

nachmittags dann auch mal so,

oder so.  Das ging allerdings weit hinter uns durch.

 

In der Nächsten Folge: Hafenhandbücher lügen
und: in der größten dänischen Marina mitten in der Nacht.

 

Montag 1.8.16 der zweite Segeltag.

siebter Teil, von Buahamn nach ? tja wohin ?

Wie jeden Tag stehen wir zwischen 0700 und 0800 auf, Frühstücken lecker, machen das Boot klar, ach ja, apropos klar, erstens brauchen wir einen Segelmacher für die Fock, deshalb sind wir schließlich hierher gekommen, und zweitens muss die Hafengebühr noch bezahlt werden.
Fangen wir mit zweitens an, einen Hafenmeister gibt es, sagt der nette Mann am Pier, gleich da vorne an der Ecke des Hafenbeckens. Verdammt klein seine Bude denke ich so bei mir und mache mich auf den Weg zu ihm. Es sind nur 20 – 30 Meter, schnell bin ich also da, aber da ist kein Büro, sondern nur ein Automat, na toll. Ticket ist schnell gezogen aber wen frage ich jetzt nach einem Segelmacher?
Der freundliche Herr von eben, das war der Hafenmeister, stellt sich später raus, der sagt uns : “ so etwa 10 Meilen nach Norden, da gibt es einen Segelmacher, unser örtlicher ist im Urlaub.“ Super gelaufen. Um 1030 machen wir das Schiff klar, versuchen die Fock irgendwie am Kopf zu befestigen, ziehen Ilona in den Großmast um das Fockfall wieder an Deck zu bekommen, das war ja gestern morgen oben geblieben und machen dann bei der Gelegenheit noch ein paar Fotos von oben. 1100 Uhr laufen wir aus. Wind WSW 3 – 4 hier im Hafen, Luftdruck 1011 hpa, wolkig.

hoch geht´s, bis ins Topp
Heute morgen, bei super Sonnenschein, ist die Fahrrinnen Betonnung gar nicht mehr kompliziert oder kniffelig, alles gut und klar erkennbar. Sofort nach erreichen der roten Tonne am Grytan, das ist ein dicker Stein am westlichen Rand des Grytbâdan Beckens, setzten wir die Segel. Da hier draußen mittlerweile 5 – 6 Bft bliesen, setzten wir die Genua I nur zu 75 %, also gerefft. Groß und Besan setzten wir ganz. Geplantes Tagesziel? Die Insel Anholt! West 4 – 5 ? Na toll, mit unserer Ketsch kommen wir nicht hoch an den Wind, also erstmal sehen was geht. Wir gehen also so hoch wie möglich ran, können etwa 180° laufen. Gegen 13:30 ist Varberg Backbord querab. Bis Glommen sind noch etwa 10 – 12 sm und wir sind bisher noch nicht weiter Richtung Anholt gekommen. Irgenwann in zwei oder drei Stunden muss eine Entscheidung her.
Gedacht habe ich mir, bei Westwindlage, von Anholt nach Grenaa und dann auf der Westseite von Sjælland durch den Großen Belt, Langeland an Backbord lassen, Svendborgsund, Ærøskøbing und von dort über Bagenkop nach Heiligenhafen.
Das sieht im Moment allerdings schlecht aus nach dem Motto, woher kommt der Wind ? von da, wohin wir wollen, von vorne.
Mehrfach reffen wir die Genua ein und wieder aus, laufen mit dem dadurch nicht optimal getrimmten Vorsegel, das Unterlieck steigt viel zu hoch, viel zu wenig Höhe und auch nicht genügend Speed.
Um 1630 fahren wir eine Wende auf 56° 51,5´N / 012° 07,7´E
Es dauert ein paar Minuten bis der Rudergänger ( ohne Erfahrung ) sich auf die “ neue Situation “ eingestellt hat. Wir laufen etwa eine halbe Std. den neuen Kurs und stellen dann fest: nach Berichtigung der Missweisung und Ablenkung, Abdrift und Steuerfehler können wir 315° laufen. Viel zu wenig, Anholt liegt gepeilt auf 265°
Unsere Ketsch, bzw. wie ich noch lernen werde, unser Segelkleid, taugt nicht für hoch am Wind. Sollten wir diesen Kurs weiterlaufen sind wir wieder mitten in der Nacht im Zielhafen.
Also wird der Plan geändert. Ich sitze am Navitisch und lese das Hafenhandbuch.
Zur Erinnerung, wir brauchen einen Hafen mit Segelmacher, für die nächsten Tage ist mehr Wind angesagt und da möchte ich auf meine Fock nicht verzichten.

In Anbetracht der Tatsache, daß am Samstag den 6.8. ein Crewmitglied um 1030 in Oldenburg i.H. seinen IC bekommen muß, bleibt auf jeden Fall nur eine Wahl: der Zielhafen darf kein Umweg sein, es ist schon knapp genug.
Halmstadt? kommen wir morgen bei West nicht vernünftig wieder weg.
In den kleinen Häfen an der schwedischen Westküste gibt es keine Segelmacher ( jedenfalls finde ich keine in den Hafenbüchern)
Bleiben Helsingborg in Schweden oder Helsingør in Dänemark.
Helsingborg ? im Øresund verläuft ein VTG, blöd wäre es, bei dieser Windlage auf der Ostseite zu sein, wir kommen da schlecht wieder zurück nach West falls wir dort niemanden finden sollten, der unsere Fock näht. Also bietet sich die laut Hafenhandbuch „größte dänische Marina “ in Helsingør an.
Dort gibt es angeblich immer, ich Buchstabiere: IMMER – India – Mike – Mike – Echo – Romeo, einen Liegeplatz, außer wenn gerade die Regatta Sjælland Rundt stattfindet, ausreichend Versorgungsmöglichkeiten für Schiff und Crew, Tankstelle, Segelmacher usw. usw.
Sjælland Rundt war im Juni, und solange sind die dann auch nicht unterwegs, das machen wir. Die Stadt ist sehenswert, am Ufer des Øresund liegt die Kronborg die einen Besuch verdient, das Wetter sieht gut aus, Barometer ist noch immer auf 1011 hpa und der Himmel klart auf.
Manchmal gehen noch Regenwolken hinter oder vor uns durch, wir bleiben trocken, sehr schön, wenn sonst alles schief geht, freut man sich schon darüber.
1838 Uhr, Anholt liegt nur etwa 16 sm entfernt, für uns unerreichbar, denn ich möchte das Getriebe nicht belasten wenn es auch anders geht, wer weiß was noch kommt.
Mit Generalkurs 165° fahren wir nun langsam in den Abend.
Wellenhöhe etwa 1,5 m – Wind 6 Bft – Luftdruck 1011.
Zum Abendessen gibt es heute geschmierte Brote und Früchtetee.
Es wird wieder eine Nachtansteuerung. Um 2250 erreichen wir unseren WP zur Ansteuerung bzw. Umsteuerung des VTG, wir wollen das VTG vermeiden.
Neuer Kurs 150°, wir schaffen es, die Höhe zu halten, wahrscheinlich dreht der Wind wegen der Landabdeckung etwas.
0016 – 56° 08,5´N / 012° 23,3´E – West 4 – 1012 hpa – setze Kurs auf Tn W1 grün 110°
0115 – Tn W1g Bb querab – West 4 – 1013 hpa – Genua und Besan bergen, klappt hervorragend, auch im dunklen. Die Crew hat Zeit genug alles in Ruhe zu erledigen, da sind keine Fehler passiert, sehr gut.
Wir folgen mit gesetztem Groß dem Fahrwasser, sind zügig unterwegs, hier hilft jetzt der Strom, fast 6 kn, absolute Stille. Die Berufsschifffahrt stören wir nicht, sind weit außerhalb des Fahrwassers.
Nach 74 gesegelten Meilen bergen wir um 0145 auf 56° 05,2´N / 012° 33,7´E das Groß und stellen die Maschine auf kleiner Fahrt an. Um 0235 erreichen wir die „größte dänische Marina “ in der es IMMER einen Liegeplatz gibt, es sei denn es ist Regatta Sjælland Rundt, ist aber nicht, super. Wir freuen uns auf eine heiße Suppe die vorbereitet wurde und ein leckeres Anleger Bier dazu.
0238 Einlaufen in die Marina, sieht voll aus hier.
„Skipper, was ist das ?“ „Skipper was ist jenes?“ die Crew hat, bis auf einen die Situation noch nicht überblickt, glaube ich jedenfalls. Einer steht vorne mit Scheinwerfer und sucht nach einer freien Box. Langsam, ganz langsam fahre ich in eine Gasse nach der anderen. Zum Glück ist der Wind hier im Hafen gleich null.
Wenden auf engem Raum, kein Bugstrahlruder, langer Kiel, starker Radeffekt nach Stb, wenn man Platz hat kein Problem. Wenn aber bei einem 12,50 m langen Schiff die Gasse nur gefühlte 14 oder 15 m breit, es dunkel und die Crew am schnattern ist, dann kommt vom Skipper auch schon mal ne Ansage:
„Klappe halten, ich will kein Wort mehr hören, klar soweit? Vorne will ich hören ob was frei ist, und beim drehen, wenn es weniger als 1 m wird! Danke „

Hat geklappt, ab dem Augenblick war Ruhe, ich konnte mich konzentrieren, im dunkeln die Entfernungen nach vorn und achtern aus dem Mittelcockpit abschätzen.
0318 – Wind ? null – 1014 hpa – klarer Himmel – wir verlassen den Hafen in dem es IMMER einen Liegeplatz gibt, es sei denn……. Hühnerkacke, der war so voll, da war noch nicht mal EINE Möglichkeit irgendwo Längsseits zu gehen, geschweige denn eine freie Box für unser Schiff, 4 m breit.
Ok, neue Orientierung, was tun?
Hafenbuch raus. Oh super hier gibt es einen „Kulturhafen“ ganz nah an der Kroneborg. Mal sehen, Ansteuerung bei Nacht? nicht beschrieben aber ich finde: unproblematisch, nur auf die Öresund Fähren aufpassen, sonst einfach.
Aber jetzt, wörtlich zitiert aus dem Hafenhandbuch NV Hafenlotse Serie 3. Nr S 26/8

Zitat
„Große Yachten, über 10 m Länge, ( boa Glück gehabt ), finden im modernisierten und neu gestalteten Kulturhafen im Norden des Hafenbeckens Liegemöglichkeiten. Über UKW 16 oder Tel (45)2531 10 80 muss mit dem Hafenamt Verbindung aufgenommen werden.
Das Einlaufen in den Hafen ist nur mit Genehmigung des Hafenamtes und dann ausschließlich innerhalb des Zeitraums viertel vor bis viertel nach zu jeder vollen Stunde erlaubt“
Zitat Ende.

Geil wa ? wat nu ? sprach Zeus
0328 erreichen wir den stockdunklen Hafen. Mir egal, wir sind alle erschöpft und wollen jetzt bald schlafen, so war das geplant.
Ich sage der Crew nichts von der Anmeldepflicht, versuche über UKW und Tel. jemanden zu erreichen, was um diese Zeit, wie zu erwarten, nichts brachte, und ließ das Schiff auf Längsseits Anlegen vorbereiten. ( Wir waren ja noch im Marina Modus mit Box).
Im Kulturhafen war es duster, stockduster. An Bb sehe ich zwei Fischkutter an einer schummrig beleuchteten Mauer, sonst sehe ich nichts.
Scheinwerfer war schon wieder eingepackt, also Taschenlampe. Im Hafenhandbuch sind Stege eingezeichnet, aber wir sehen keine. An Land stehen zwei, drei weit entfernte Laternen, das ist alles. Langsam nähern wir uns der Mauer. Mein Sohn steht, wie meistens beim Anlegen, am Bug und leuchtet dann zufällig ins Wasser. Schreck lass nach, etwa 40 cm UNTER der Wasseroberfläche hatte die Mauer einen scharfkantigen Vorsprung, wie eine Treppenstufe. Wenn wir noch näher kommen, dann kann das den Rumpf stark beschädigen. Vorsichtig wieder raus und, mir Wurscht jetzt, wir gehen wieder zu den Fischern, auch wenn dat Mecker gibt. Die erwarte ich morgen früh sowieso, da wir ja nicht angemeldet und nicht zwischen viertel vor und viertel nach eingelaufen ( was für ein Schwachsinn ) sind.
Das Anlegemanöver in der hintersten Ecke klappt prima, die Absprachen laufen über Handzeichen, Landstrom gibt es auch, und einen Anleger Sherry. Dann noch n Bier und eine rauchen. Langsam wird es schon wieder hell, Zeit in die Koje zu gehen.

Fazit.
Das Hafenbuch hat gelogen, die „größte dänische Marina“ war pickepacke voll, auch ohne Regatta

unser Schiff vor der Kronborg in Helsingør

Dienstag 2. August

Am nächsten morgen, bzw. nach dem aufwachen, machen wir uns mit der Fock im Schlepptau auf den Weg zum Segelmacher. Das Hafenhandbuch sagt ganz klar, dass es hier einen gibt. Im Yachthafen finden wir einen Laden, der im Schaufenster mit Taschen aus alten Segeln wirbt. Rein da. Nein ich kann Ihnen nicht helfen, wir machen nur Accessoires aus alten Tüchern, der Segelmacher ist in dem Gebäude dort untergebracht. Gut, wir wieder los, nun zum „richtigen“ Segelmacher. „Oh? Das Segel nähen, dass kann ich nicht. Ich bin hier der Chef, aber nähen kann ich nicht und meine Experten sind im Urlaub oder in Brasilien bei der Olympiade.“  Schon wieder, na toll und was machen wir jetzt? Ein älterer Herr kommt zufällig mit dem Rad daher und unser „Chef“ spricht mit ihm. Dabei kommt etwas heraus, wir wissen aber nicht genau was, es wird mehrfach telefoniert und dann bekommen wir eine TEL. Nr. von Elvström Sails. In NIVA sollen wir morgen früh um 0830 bei Elvström anrufen, dann kommt der Segelmacher raus, holt das Segel ab und bringt es nach der Reparatur wieder zurück. Super, dann haben wir heute noch Zeit die Stadt und die Kronburg anzusehen und etwas einzukaufen. Allerdings verlieren wir einen Tag, einen Tag den wir eigentlich in Kopenhagen verbringen wollten. Was solls, ist halt wie im Stau, kann man auch nicht ändern. Bummeln, besichtigen, einkaufen, Eis essen, kochen und den Abend früh ausklingen lassen. Morgen früh um sechs werden die Leinen gelöst, um pünktlich um 0830 in NIVA zu sein. Wir wollen so wenig Zeit wie möglich verlieren. 

Mittwoch 3, August

Aufstehen um 0500, Frühstück bei herrlichstem Wetter an Deck und kurz vor sechs  – Leinen los. Auf unserem Südkurs haben wir etwa drei bft aus West, also beste Bedingungen. Um acht Uhr sind wir vor der Einfahrt Niva und versuchen bei Elvström jemanden zu erreichen. Klappt aber nicht. Ok, halb neun war auch gesagt, legen wir also vorher noch an. Der Hafen? nicht gerade riesig, außerdem sehr voll. Wir Zirkeln uns unter den Kran, sprechen mit der sehr netten Hafenmeisterin unser Anliegen ab und dürfen dort liegen, sogar kostenfrei wenn wir nicht über Nacht bleiben und das haben wir nicht vor, schließlich steht noch Klintholm als Etappenziel auf unserem Plan, über 90 sm. Um 0835 bekommen wir jemanden ans Telefon, es wird vereinbart, das unser Segel um 1030 abgeholt wird. Na toll, dafür sind wir so früh aufgestanden? Naja, ist halt wie im Stau……

Helsingør am 03. Aug. um 0608 beim auslaufen aus dem Kulturhafen

Wir gehen Eis essen, denn dort gibt es WLAN für den Wetterbericht, den wir dann ausgiebig studieren und unsere Möglichkeiten ausloten. Für den Nachmittag wird Wind mit Stärke sieben vorhergesagt, was wir nicht glauben wollen als wir unsere Blicke in den Himmel richten. Allerdings ist klar, es wird eine lange Nacht und wenn wir ehrlich sind, dann erreichen wir Klintholm erst am nächsten Nachmittag – wenn alles gut läuft.

Der letzte Blick auf die Kronborg, Helsingør

 

Nun gut, wir verbringen den Tag mit warten, putzen und Wetterbeobachtungen. Und tatsächlich nimmt der Wind langsam immer mehr Fahrt auf. Mittlerweile ist es Mittag, wir hoffen immer noch, dass der Segelmacher bald wieder da ist, und bereiten unser Schiff und uns auf eine lange Nacht mit viel Wind vor.

Unser Schiff hat ein Vorstag, an dem wird die Genua angeschlagen, und ein Kutterstag, da sollte eigentlich die Fock dran sein( aber die ist ja gerissen, deswegen sind wir ja zum Segelmacher). In der Segellast habe ich aber auch noch eine kleinere Genua und ein nagelneues Sturmsegel mit Stagreitern aus Tauwerkschäkeln. Wir schlagen die Genua III ab und die kleinere Genua II wieder an. Außerdem sind noch ein Backbord und ein Steuerbord Toppnant vorhanden, eigentlich zum Spi segeln gedacht, funktioniere ich sie um. Einer der beiden Toppnanten wird auf dem Bugpoller belegt und sehr stramm gezogen. Er dient jetzt bei Bedarf als Sturmfockstag. Der zweite Toppnant dient als Fall und wir führen ihn ins Cockpit auf eine freie selbst holende Winsch, fertig. Haben ist besser als brauchen.  Der Wind erreicht mittlerweile Spitzen von 25 kn, am Strand hinter der Hafenmeisterbude rollen größere Wellen an, manche schon fast einen Meter hoch. Hier in der relativ geschützten Bucht ist das schon viel.

Kein Segelmacher in Sicht. Endlich, gegen 1630Uhr Bordzeit kommt der Lieferwagen und bringt uns das genähte Segel, unsere Fock. Danke, zahlen, und sofort anschlagen, wir wollen los! Ok, vielleicht vorher nochmal das Wetter abrufen? keine schlechte Idee, weil wir wahrscheinlich die Nacht durchsegeln müssen. Im Kopf immer den Gedanken, am Samstag fährt der Zug für den Schüler, der keine Kohle für ein neues Ticket hat.

Mittlerweile war der Wind schon so stark geworden, dass wir zusätzlich zu den beiden Vorsegeln die Sturmfock angeschlagen haben wobei die Fock an die Reling gelascht wurde. Die OnRA hat zwei Topnanten, einer davon diente als Stag, der andere als Fall für die Sturmfock, so einfach geht das auf einer Ketsch mit guter Ausrüstung. Als wir damit fertig waren, war der Hunger da, aber nix zu Essen fertig, geschweige denn in Vorbereitung. Aber meine Crew wäre nicht meine Crew, wenn das ein Problem wäre. Ich in die Koje, schließlich hatte ich noch eine lange Nacht vor mir, und die Mädels haben was zu Essen gezaubert. Nach ca. 2 Std. etwa  wurde ich geweckt zum Essenfassen, super.  Fix das reparierte Tuch anschlagen, alles Seeklar machen und ab geht die wilde Fahrt.

Motor an,  Achterleine los, Spring weg, Vorleine ? is los ? ok, dann weg hier, …. ?? wo kommt eigentlich der Wind her, bist Du von allen guten Geistern verlassen Herr Skipper ?  Schräg hinter uns an Backbord hatte die Kaimauer einen Knick, Foto unten, ( die OnRA in blau, die anderen Yachten in rot, der Wind dann logischerweise in gelb) und eine andere Yacht ragte darüber hinaus.

Jaaa, nun waren alle Leinen losgeworfen, kein, oder fast keine Fahrt im Schiff, Ihr könnt

sicher raten was passierte, ich berührte mit meinem Ankergeschirr den Anker der Yacht auf meiner Backbordseite. Zum Glück war der Skipper an Bord und hat unser Manöver auch gesehen, (wir hatten vor dem Ablegen noch lange gesprochen, war ein netter Kerl, Däne halt. Ich drehte drei Runden durch das Hafenbecken und er suchte nach einer Beschädigung, die er aber zum Glück nicht fand. Der Skipper wünschte uns eine Gute Reise und wir liefen aus, Zielhafen war Klintholm.

Fortsetzung folgt, wir sind ja noch nicht angekommen.

Und nicht vergessen, nach dem Törn ist vor dem Törn!